Ich war ja in Vilnius, das ist zwar schon einige Zeit lang her, aber da ich mich seitdem intensiv mit dieser Stadt beschäftige, gibt es hier trotzdem noch einen Eintrag. Zu der Stadt selbst kann ich kaum was sagen, außer dass sie “schön” ist und ich auf jeden Fall nochmal hinfahren will, weil ich leider so viel nicht gesehen habe. Das lag daran, dass ich das Vergnügen hatte, mich mit der polnischen Erinnerungskultur in Vilnius auseinander zu setzen – und dafür viele interessante Gespräche mit Vertreter_innen der polnischen Minderheit hatte.
Das Leben in der Vergangenheit von denjenigen, die in den Organisationen, Medien und Vereinen der Minderheit aktiv sind, sorgte bei mir sofort für Assoziation mit den deutschen Minderheiten in Polen, die ich kenne. Allerdings ist die polnische Minderheit in Vilnius deutlich größer als z.B. die deutsche Minderheit in Gdańsk. Ungefähr jede_r fünfte Einwohner_in der Stadt ist polnisch. In der Umgebung von Vilnius gibt es Städte, die fast vollständig polnisch bewohnt sind.
Überraschende Erkenntnisse meinerseits in ungeordneter Reihenfolge:
Man kann in Vilnius ohne Problem auf Polnisch zurecht kommen. Ungefähr jede zweite Person spricht immerhin ein bißchen Polnisch. Das Polnisch ist aber lustig und hört sich für mich ein bißchen an, wie Russisch. Wir haben in unserer Gruppe ab dem zweiten Tag untereinander Polnisch geredet und auf einmal wurden wir von viel mehr Leuten angequatscht, wo wir denn herkommen, was wir in Vilnius machen etc.
Der Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus: Theoretisch war mir der natürlich schon vorher klar. Wir hatten an zwei Tagen hintereinander krasse Interviews mit einer patriotischen Stadtführerin und einem nationalistischen Aktivisten. Der erzählte uns z.B., dass er es unmöglich fände, dass ein “Polnisches Haus” und eine “Polnische Botschaft” auf “Polnischen Boden” gebaut werde. Die Stadtführerin dagegen beschwerte sich, dass die offiziellen Stadtführungskurse ohne Emotionen veranstaltet würden und das Erbe keiner Nation angemessen dort vertreten sei. Sie wünschte sich ein Vilnius, in dem jede Nation ihr Erinnerung aufrecht erhalten könne.
Viele Pol_innen sahen (bösen) Kapitalismus als Feind des (guten) Patriotismus. Dabei übersehen sie, dass viele der Pol_innen in Vilnius von dem Tourismus der polnischen Patriot_innen leben – und mit nationalen Symbolen überall auf der Welt Geld gemacht wird. Interessant ist auch, dass normalerweise die Konzepte Demokratie, nationale Unabhängigkeit und freie Marktwirtschaft zusammen gedacht werden, für diese Leute aber stark entgegen gesetzt stehen. Erwähnenswert dazu auch noch, dass einige der Pol_innen in Vilnius sich in der Wendezeit noch an Moskau gewandt haben mit der Hoffnung, dass die Stadt wieder Polnisch wird.
An dem Ort Paneriai, dem größten Massaker der Nationalsozialisten in Litauen, gedenkt jede Opfergruppe mit einem eigenen Denkmal. Die Pol_innen haben kein Problem dabei starke christliche Symbolik zu verwenden, obwohl die mit Abstand größte Opfergruppe an diesem Ort Juden sind.
Die Pol_innen betonen auf der einen Seite immer wieder, wie verbindend Religion für das Zusammenleben mit der litauischen Mehrheitsbevölkerung sei (beide sind fast zu 100% römisch-katholisch), auf der anderen Seite stellen sie sich auch gerne als “bessere” Katholik_innen da, weil Religion in Politik und Öffentlichkeit in Litauen weniger wichtig ist. Außerdem gibt es einige Konflikte, die zeigen, dass religiöse und nationale Erinnerung schwer zu trennen sind. So gibt es keine Messen auf polnisch in der Nationalkathedrale. Die “polnische” Kirche ist nicht in das offizielle Pilgerhandbuch auf den Spuren des Papstes aufgenommen worden.
Das Gedenken an Mickiewicz, den polnischen Nationaldichter ist irgendwie skurril. Der hat dort ein paar Jahre im Gefängnis gesessen, weil er sich gegen die Zarenmacht aufgelehnt hat. Dann hat er mal ein Buch geschrieben, in dem es um einen jungen Mann geht, der während einer Gefängnishaft zu einem nationalen Freiheitskämpfer wird. Die Polen meinen jetzt, dass die Zelle von Mickiewicz die Zelle der Romanhandlung wäre, obwohl Mickiewicz wogl keinerlei Hinweis darauf gegeben hat, dass seine eigene Haft mit der des Romanheldens in Verbindung steht. Die orthodoxe Kirche nebenan hat das Gebäude gekauft und eine modernere Pilgerherberge eingerichtet. Für die polnische Minderheit sind “die Litauer” schuld, die das polnische Erbe verkaufen und stattdessen Profit machen.
Noch interessanter wird es bei Pilsudski. In Polen ist man der Ansicht diesem Mann die Unabhängigkeit zu verdanken, da er sich im I. Weltkrieg recht geschickt zwischen den Kriegsparteien verhalten hat. Er war dann der entscheidende Staatsmann der Zwischenkriegszeit, entwickelte sich aber mit der Zeit zum Diktator. 1920 haben seine Truppen trotz eines Abkommens mit der litauischen Seite Vilnius überfallen, so dass es bis zum II. Weltkrieg zu Polen gehört. Um sicher zu stellen, dass diese Stadt auch nach seinem Tod polnisch bleibt, hat er verfügt, dass sein Herz dort in dem Grab seiner Mutter begraben wird. Da pilgern die Pol_innen nun heute alle hin. Neben ihm liegen die Soldaten die 1920 beteiligt waren und Soldaten der Heimatarmee des II. Weltkriegs. Wir haben uns auch mit Veteranen dieser Heimatarmee getroffen, für die ist das Pilsudski-Grab ein wirklich wichtiger Ort. Diese Kontinuität von dem Freiheitskampf Mickiewicz’ über Pilsudski, die Heimatarmee-Soldaten bis zu dem Papst als nationaler Freiheitskämpfer gegen den Kommunismus wird von polnischer Seite klar herausgestellt. Oft wird die Linie auch weiter gezogen bis den eigenen Aktivitäten im Kampf für die polnische Erinnerung.
Zu guter letzt: Das nationalstaatliche Denken passt wirklich nicht zu Regionen, wie Vilnius, die man einfach nicht eindeutig zuordnen kann. Daher ist es eigentlich erstaunlich, dass es nach 1989 in Mittelosteuropa zu keinen gewaltsam ausgetragenen Konflikten kam.
Ich habe über dieses Thema auch einen Essay geschrieben, der bis Frühjahr nächsten Jahres in einem Buch erscheinen wird. Da steht das alles nochmal ausführlicher und “schöner” drin. Dadrin gibt es auch noch ein paar andere interessante Themen, wie die jüdische Erinnerung in Vilnius, die Frage, wie die Stadt als europäisch konstruiert wird oder die Rolle des sowjetischen Erbes.
Und nur damit niemand meint, ich hätte das extra verschwiegen: Auf der Seite von meinem Studiengang gibt es die Hintergrundinfos zu dem Projekt.
Ich mag YouTube, deshalb kommt hier gleich das nächste Filmchen.
Damit möchte ich an den Artikel von gestern anschließen: Wie befähigen wir die Menschen dazu ihre Fähigkeiten zum kritischen Denken weiter zu entwickeln? Wir sorgen erstmal dafür, dass sie keine Zukunfts- und Existenzängste mehr haben brauchen – indem wir ihnen ein Grundeinkommen zur Verfügung stellen – ohne Bedingungen. Das Filmchen ist ein Trailer für eine Art Filmessay, den es ebenfalls auf YouTube gibt. An manchen Stellen ist mir die Sache zu emotional aufgemacht. Allerdings wird deutlich gesagt, dass das Grundeinkommen nicht alle Probleme dieser Welt löst, sondern die Menschen befähigt ihre Probleme selbst anzugehen. Die Sache wurde in einem Dorf in Namibia mal ausprobiert. Darüber berichtet die taz – und eine ausführliche Auswertung des Pilot-Projekts gibt es auch schon.
Das Beispiel zeigt meiner Meinung nach, dass die Leute schon sinnvolles mit ihrem Geld anzufangen wissen – auch wenn die Verhältnisse in Namibia und Deutschland natürlich ganz unterschiedlich sind.
Das gesellschaftliche Problem, mit dem ich selbst in den letzten Jahren am meisten zu tun hatte, ist sicher der Druck, der auf junge Menschen bzgl. ihrer Zukunftsplanung im Moment aufgebaut wird. Wir sind alle furchtbar fixiert auf die Erwerbsarbeit als sinngebendes Element in unserem Leben und selbst Leute, die sich eigentlich kaum Sorgen um ihre Zukunft machen müssten, treffen vermeintlich “rationale” Entscheidungen für ihr Leben – indem sie Berufswege wählen, die sicherer oder ertragreicher erscheinen. Mit dem Grundeinkommen wäre die Sicherheit gegeben und dann könnte jede_r selbst entscheiden, ob der höhere monetäre Ertrag das Wichtige im Leben ist oder eher andere Dinge. In dem Video wird von einer Vertreterin des Grundeinkommens gesagt, dass wir mit dem Grundeinkommen nicht mehr am Lebensende behaupten können wir hätten keine Möglichkeit gehabt, das zu tun, was wir wirklich wollten.
Meiner Meinung nach ist dieses positive Menschenbild das Entscheidende an der Idee – wie es zu finanzieren ist, wie es funktioniert, … zeigt der Film – oder die Homepage von Ministerpräsident Althaus oder die Grünen oder das Buch von dm-Gründer Götz Werner.
Damit hier auch gleich ein wenig Inhalt rein kommt, gibt’s hier ein kleines Filmchen:
bell hooks, deren Ideen ich sehr interessant finde und die ich für ihre präzisen Analysen ziemlich bewundere, erklärt, wieso sie sich mit Popkultur beschäftigt und was cultural criticism ist. Zum Ende macht sie meiner Meinung nach einen ziemlich wichtigen Punkt, indem sie sagt, dass kritisches Denken das wichtigste ist, um das eigene Leben bedeutungsvoll zu gestalten. Dann weist sie auch daraufhin, wie wichtig es ist gerade materiell Benachteiligten dieses beizubringen und wie diskriminierend es ist, davon auszugehen, dass die Studenten in Harlem in erster Linie lernen müssen zu überleben. Wurde da nicht von Anfang an was falsch gedacht, wenn man an deutschen Hauptschulen in erster Linie lernt Hartz-IV-Anträge auszufüllen?
Ich finde diesen Kommentar ziemlich bereichernd, da ich eine überzeugte Anhängerin von nicht direkt verwertbarer Bildung bin, da Bildung nicht nur Aus-Bildung für den Arbeitsmarkt sein darf, sondern den ganzen Mensch bilden sollte. Bisher habe ich das aber in erster Linie auf die sogenannte höhere Bildung bezogen – und wäre eher geneigt gewesen zu sagen, dass für Hauptschüler_innen praktische Berufsausbildung im Vordergrund stehen muss. Da stellt sich aber nun wirklich die Frage, wieso ich gerade diesen Menschen die Fähigkeit selbst kritisch zu denken abspreche. Allerdings bin ich mir auch nicht hundertprozentig sicher, ob ich dieser (sowieso nicht homogen existierenden) Gruppe nicht meine Vorstellung von einem erstrebenswerten Leben aufzwinge, wenn ich eine stärker zum kritischen Denken befähigende Bildung fordere.
Auf jeden Fall hat mich bell hooks da sehr nachdenklich gemacht. Durchaus sehenswert ist auch die folgenden Teile des Clips, wo sie an einigen Beispielen deutlich macht, was cultural criticism in Bezug auf Popkultur eigentlich ist. Es geht um Rap, OJ Simpson, Spike Lee und Madonna. Solche klaren Analysen fehlen mir irgendwie, wenn es um deutsche Popkultur geht. Natürlich gibt es hier und da mal Ansätze, aber eine dermaßen stringente Analytikerin, die die Kategorien Gender, Class und Race zusammenbringt, ist mir im deutschsprachigen Raum nicht bekannt.
Und noch eine persönliche Bemerkung zum Thema Klischees: Ich hatte mir bell hooks eigentlich viel aggressiver vorgestellt von den Texten her als sie im Video wirkt…
Inzwischen reichen die Facebook-Status-Meldungen nicht mehr aus für mein Mitteilungsbedürfnis. Daher gibt es jetzt dieses Blog. Wie der Titel schon sagt wird es um Identitäten und konstruierte Wirklichkeiten gehen.
Ich habe selbst ziemlich lange das Modell von durch Sprache und Bilder konstruierten Wirklichkeiten abgelehnt. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, als meine Deutschlehrerin uns Wittgenstein und den linguistic turn näher bringen wollte. Ich habe es wirklich ein halbes Jahr geschafft alle diese Ideen konsequent abzulehnen. Inzwischen bin ich ein paar Jahre älter und mir sehr sicher, dass man diese Welt und die ihn ihr wirkenden Machtmechanismen deutlich besser versteht, wenn man sich Diskurse, Narrative, Konstrukte etc. anschaut.
Um welche Themen es konkret gehen soll, erfahrt ihr, wenn ihr auf “About” klickt.
P.S.: Mit dem Titel bin ich übrigens noch nicht so ganz zufrieden. Ich hoffe, dass mir irgendwann noch was besseres einfällt.